Droste in Love

Guten Morgen, Levin!
Ich habe schon zwei Stunden wachend gelegen und in
einemfort an Dich gedacht; ach, ich darf und will Dich nicht
weich stimmen, muss auch mir selbst Courage machen
und fühle wohl, dass ich mit dem ewigen Tränenweidensäuseln
sowohl meine Bestimmung verfehlen als auch Deine
Teilnahme am Ende verlieren würde; denn Du bist ein
hochmütiges Tier und hast einen doch nur lieb, wenn man
was Tüchtiges ist und leistet. Schreib mir nur oft, mein
Talent steigt und stirbt mit Deiner Liebe; was ich werde,
werde ich durch Dich und um Deinetwillen; sonst wäre es
mir viel lieber und bequemer, mir innerlich allein etwas
vorzudichten. Sobald ich diesen Brief geschlossen, geht’s
con furore ans Werk; ich bin wieder in der furchtbaren
Stimmung, wo die Gedanken und Bilder mir ordentlich
gegen den Hirnschädel pochen und mit Gewalt ans Licht
wollen, und denke, Dir die Beiträge sehr bald schicken
zu können, obwohl gewiss der Psalm wieder um zwei
Drittel zu lang werden wird, die Du dann mit wahrer

Chirurgenkälte amputierst. Mich dünkte, könnte ich
Dich alle Tage nur zwei Minuten sehn – o Gott, nur einen
Augenblick! – dann würde ich jetzt singen, dass die Lachse
aus dem Bodensee sprängen und die Möwen sich mir
auf die Schulter setzten! Wir haben doch ein Götterleben
hier geführt, trotz Deiner periodischen Brummigkeit!
Ob ich Dir bös bin? Ach, Du gut Kind, was habe ich schon
für bittere Tränen darüber geweint, dass ich Dir noch
zuletzt so harte Dinge gesagt hatte! Und doch war vieles
Wahres darin. Aber mich vergisst Du doch nicht, was die
Zeit auch daran ändern mag; wenn der eine Haken bricht,
so hält der andere; Dein Mütterchen bleibe ich doch, und
wenn ich auch noch 40 Jahre lebe; nicht wahr, mein Junge?
Mein Schulte, mein kleines Pferdchen – was hängen alles
für Erinnerungen, die nie verlöschen können, an beiden
Titeln!
Schreib mir, dass Du mich lieb hast; ich habe es so
lange nicht ordentlich gehört und bin so hungrig darauf,
Du dummes, nichtswürdiges kleines Pferd!
(…) Adiau, Levin, behalt Dein Mütterchen lieb, stelle Dir
oft vor, dass ich bei Dir wäre und Du mir alles erzähltest
und vertrautest, wie wir da zusammen waren:
Bitte, denk das oft, so wird in Dienem Herzen nie eine Frage
gegen mich kommen; ich will Dir auch immer alles sagen.
Adieu, lieb Herz.


 

Die bedeutende deutsche Dichterin Annette von Droste-Hülshoff verliebt sich in den Sohn ihrer Jugendfreundin, der selbst angehender Dichter ist. Während Levin Schücking für sie eine Muse ist, ist sie für ihn eine Art Mutterersatz. Er heiratet schließlich 1843 eine andere Frau, gibt aber 1860 den lyrischen Nachlass von Annette von Droste-Hülshoff heraus.

 

Eines der bekanntesten Werke Droste-Hülshoff ist die Judenbuche. Lasst Euch das mit "Weltliteratur to go" nacherzählen!