Wielands Handschrift: Brief an Orell., Geßner und Cie. in Zürich, Biberach, den 8. Mai 1766

Die im Café 1800 des Wieland-Museums ausgestellte Handschrift wird hier in einer Transkription vorgestellt.

Brief an Orell, Geßner und Cie. in Zürich

Biberach, den 8. Mai 1766

 

Meine Hochgeehrtesten Herren und sehr werthen Freunde, 

 

Endlich bin ich im Stande, Ihnen auch die Rede des 8ten Th. von Shakespear zu übersenden. Ich wünsche Ihnen und mir selbst zu dem erreichten Ziel dieser weitläufigen Unternehmung Glück. Ich habe dabey geleistet, was (zumal in den Umständen worinn ich war, noch bin, und so lang ich lebe bleiben werde, ohne Freunde, ohne einen Rathgeber, ohne einen Aristach) möglich war. 

Ich schaudre selbst, wenn ich zurücksehe, und daran dencke daß ich den Shakespear zu übersetzen gewaget habe. Wenige können sich die Mühe, die Anstrengung, die oft zur Verzweiflung und zu manchem Fluch, (der doch die Pferde nicht besser ziehen macht) treibende Schwierigkeiten dieser Arbeit vorstellen. Ich sehe die Unvollkommenheit dessen was ich gethan habe; aber ich weiß es, daß Richter von eben soviel Billigkeit als Einsicht mit mir zufrieden sind. Genug, diese herculische Arbeit ist nun gethan, und, bey allen Göttinnen des Parnasses! Ich würde sie gewiß nicht anfangen, wenn sie erst gethan werden sollte. Indessen hab' ich doch sie nicht schließen wollen, ohne ein paar Wörtchen mit den (1v) Berliner Kunstrichtern zu sprechen, welche eben so boßhaft als dumm über unsre Übersetzung geurtheilt haben. Ich hoffe, das Publicum soll nun mit mir zufrieden seyn; denn von Lessingen und seinen Freuden hab ich doch weder Gnade noch Gerechtigkeit zu erwarten. Ich habe die Ehre, Meine Herren und Freunde, mich Ihnen zu empfehlen und mit alter unveränderter Hochachtung zu seyn / Dero ergebenster Diener

 

Wieland

 

Biberach, den 8ten May / 1766 /.