Brentano in Love

Clemens Brentano an Sophie Mereau, 1804


Geliebtes Weib!
Du bist mein Weib, mein liebes, vorteffliches Weib, dies ist
der erste Brief, den ich Dir ohne Sehnsucht schreiben kann,
ich habe Dich nun, ich kann nicht mehr mit Recht betrübt
sein, denn ich habe Dich ja, und durch Dich mich selbst,
denn hier, wo mir alles ein Maß werden kann für meine
Empfindung, fühle ich mich stolzer und unbewegter als
sonst, ich bin nun hier ein Zuschauer geworden, wo ich
sonst wie ein armer Suchender herumging, denn ich habe
Dich ja, Du liebst mich, ich bin nicht mehr ausgestoßen von
der Welt, Du bist mein liebes Weib, Du trägst mein Kind,
und wir drei wollen alles werden für uns. (…)
Nach Dir hat man mich gefragt, ob Du schön seist, ich hab
gesagt, Du seist lieb, Christian aber hat auf die Frage, ob Du
schön seist, geantwortet, sie ist kleiner als die Gundel und
hat einen starken Busen, weiter kann ich nichts sagen, man
freut sich meines Glückes und glaubt es, dass ich glücklich
sei, so wie man heutzutag seinen Nebenmenschen liebt,
um übrigens, weil Du es liebst, mich zu belustigen, will ich
täglich ins Theater gehen und breche jetzt ab, denn es ist
die Stunde.
Dein Clemens


Es ist ein Skandal in der Literaturszene des frühen 19. Jahrhunderts: Clemens Brentano aus gutem Hause heiratet 1803 die acht Jahre ältere, geschiedene Sophie Mereau – eine freiheitsliebende Autorin mit vielen Liebschaften. Nach der Hochzeit ziehen die beiden nach Heidelberg ins geistige Zentrum der Romantik. Die Ehe ist schwierig: Sophie Mereau feiert literarische Erfolge, während Clemens Brentano sie lieber als häusliches Weibchen bei sich hätte. Aus der Ehe gehen drei Kinder hervor. Zwei von ihnen sterben kurz nach der Geburt, beim dritten Kind stirbt auch Sophie Mereau (1806).