Herders in Love

Karoline Flachsland an ihren späteren Ehemann Gottfried Herder, 1772

 

Ich lehne mich an deine redliche Brust, und mein Herz kann

nichts als weinen. Heute deinen dritten Brief, Engel meines

Lebens! Ich zerfließe fast in Tränen. Ach, was bin ich, armes

Mädchen, dass du mich so lieb hast! Was wird aus mir werden,

wenn ich einmal bei dir sein werde, auf deinem Schoß, an deiner Engelsbrust, dich selbst hören, lieben, über alles in der Welt lieben werde! Wie kann ich, wie werd´ ich das fassen! Du, du mein Herder, wirst mir Leben und Seligkeit und Himmel und neue große Seele geben – aber ich dir nichts als gute, treue, ganze Liebe. Wie bange wird mir oft über mein Nichts! Du machst dir ein ganz anders Bild aus mir, als du finden wirst, und wie wird´s dann sein? Ich denke immer furchtsam und freudig schauernd an unser Wiedersehen. Ewiges Band von treuester Liebe – edlem Leben und Würdigkeit! O Gott, bin ich das wert? Wert eines solchen himmlischen Lebens? Es geht über all mein Denken und Hoffen! Ich kann nichts davon reden; es ist nichts, und deine Briefe, edelster Jüngling, sind alles was Himmel und Elysium heißt. Hier sind meine leeren, schwachen, verlangenden Arme, die ich tausend Mal des

Tags nach dir ausstrecke und um deinen Hals werfe und die jeden Baum, der mir Schatten und Freude gibt, für dich, mein Einziger auf der Welt umfassen. Oh, wie wird mir´s sein, dich wiederzusehen, dich selbst zu umfassen!

Dein ganzes edles, erhabenes Herz in meinen Armen! Wie

wollen, werden und können wir einst zusammenleben,

wenn du mich erst durch deine Gegenwart und Aufmunterung

neu geschaffen hast! Gott wird dein edles Herz

belohnen!

Ich kann nichts als niederknien und für dich beten.

Aber meine Kräfte will ich anwenden, dich zu lieben; nicht

Süßeres ist für mich auf der Welt. Oh, ihr goldenen Träume,

wann werdet ihr erfüllt? Wann können Sie sich einmal

aus Ihrer traurigen Öde und Lage (mein Herz bricht mir,

wenn ich an Ihren einsamen Zustand in Bückeburg denke)

losreißen, um uns nur wenigstens einige Tagen zu sehen,

zu sprechen! Wie viel hätten wir uns zu sagen und – sehen

musst du mich noch zuerst und dein Herz prüfen, ob ich dir

denn auch noch gefallen kann, wenn ich sichtbar um dich

bin. Ach Gott, das erwarte ich wie ein Todesurteil. Können

sie künftiges Frühjahr herkommen, uns nur zu sprechen,

liebster, einziger Freund? Von unserer künftigen, glückseligen

Hütte, von unserer Liebe, von unserem ewig treuen

Bande, was hätten wir da zu sprechen und holten neuen

Mut und Hoffnung in unsere Arme und Herz! Wenn du es

möglich machen kannst, so komme, holder, süßer, einziger

Freund, nach dem trüben Winter zu mir. Ach, wie lang wird

mir der Winter werden! Zumal dich so einsam zu denken!

Oh, wär´ es doch vorbei und wir könnten zusammen in

einem neuen Leben wandeln! Doch wirst du auch künftiges

Frühjahr kommen können? (…)

Hoffen wir und werden nicht müde, uns zu lieben; wie

groß und köstlich wird einmal unser Leben sein! Mein Lohn

unendlich groß! –


Es sind Briefe der Empfindsamkeit zwischen Karoline Flachsland und dem Schriftsteller Gottfried Herder. Es sind aber auch Briefe, die die Bedingungen einer späteren Verbindung ausloten. Karoline Flachsland schreibt zielstrebig, um Herder zur Hochzeit zu bewegen, denn Herder bleibt lange Zeit unverbindlich. 1773 heiraten die beiden schließlich, nachdem Karoline Flachsland ihn vor vollendete Tatsachen stellte. Nach seinem Tod schreibt sie eine Biografie über ihn und gibt redigierte und bearbeitete Schriften von ihm heraus.