Rilke in Love

Rainer Maria Rilke an Lou Andreas-Salomé, 1900

 

Ich habe Deinen Brief, Deinen lieben Brief, der mir mit jedem Wort wohltut, der mich wie mit einer Welle anrührt, so stark und rauschend, der mich wie mit Gärten umgibt

und mit Himmeln überbaut, der mich fähig macht und froh, Dir zu sagen, was mit meinem letzten schweren Briefe sinnlos rang: dass ich mich sehne nach Dir, und dass es namenlos bange war, diese Tage zu leben ohne irgendeine Nachricht, nach diesem unerwarteten und raschen Abschied und unter den fast feindlichen Eindrücken dieser schweren Stadt, in welcher Du nicht durch irgendein Ding aus der Fern mit mir reden konntest. So kam es zu diesem hässlichen Brief von neulich, der, aus der Abgeschlossenheit, aus der ungewohnten und unerträglichen Alleinheit meiner Erlebnisse kaum herausfinden konnte und nur ein

Drängen war, eine Verwirrung und Verworrenheit, etwas, das Dir fremd sein muss in der Schönheit, zu welcher Dein Leben sich gleich wieder gegründet hat unter den neuen

Verhältnissen. (…) Ja, bitte sei Sonntag schon hier. Du glaubst nicht, wie lang

die Tage in Petersburg sein können. Und dabei geht doch nicht viel hinein. Ein fortwährendes Unterwegssein ist das Leben hier, wobei die Ziele alle leiden. Man geht, geht,

fährt, fährt und, wo immer man auch ankommt, ist der erste Eindruck der der eigenen Müdigkeit. Dazu kommt, dass man die weitesten Wege fast immer umsonst macht.

Trotzdem weiß ich nun schon so viel, dass wir noch einiges Schöne zu sehen haben, wenn Du kommst. Überhaupt denk ich seit zwei Wochen alles nur mit diesem Nachsatz:

Wenn Du kommst. 

Die Mondnacht von Mittwoch auf Donnerstag hab ich auch lieb.

Ich ging noch spät an die Newa, an meine Lieblingsstelle, gegenüber der Isaak-Kathedrale, wo die Stadt am einfachsten und größten ist. Dort war auch mir (und zwar ganz unerwartet) friedlich, froh und ernst zu

Mute, wie jetzt, da ich Deinen Brief habe. Ich beeile mich,

diese Zeilen abzusenden, damit, was Du mir am Montag

sendest, (…) schon Antwort auf dieses ist. Antwort auf die

eine Frage: Bist Du froh? Ich bin es, hinter allem, was mich

quält, so im Grunde, so voll Vertrauen, so unbesiegbar froh.

Und danke Dir’s.

Komm bald!

Dein Rainer


Wegen ihr heißt er Rainer und nicht René: Lou Andreas Salomé. Rainer Maria Rilke ist 21 Jahre alt als er die 36-jährige, verheiratete Schriftstellerin, Philosophin und Psychoanalytikerin kennen lernt. Die beiden haben eine Affäre und wohnen sogar für eine Zeit lang zusammen. Lou hat großen Einfluss auf Rilkes Schreiben. Nachdem sie sich wegen Rilkes zunehmender emotionalen Abhängigkeit von ihm distanziert, verbindet die beiden dennoch eine lebenslange Freundschaft.   


Ein empfehlenswerter wunderschöner Film: