Schiller in Love

Friedrich Schiller an Charlotte Lengefeld, 1789

 

Wie schön bin ich heute erweckt worden! Das Erste, worauf
mein Auge fiel, waren Briefe von Euch. Mit dem Gedanken
schlief ich ein, heute welche zu erhalten. An diesen periodischen
Freuden werde ich künftig alle meine Zeit abzählen, bis uns endlich dieser dürftige Behelf nicht mehr nötig ist. Aber wie ungenügsam sind doch unsre Wünsche! Wie viel hätte ich noch vor einem Monat um die blosse Hoffnung dessen gegeben, was jetzt schon in Erfüllung gegangen ist! Um einen einzigen Blick in Deine Seele! Und jetzt, da ich alles darin lese, was mein Herz sich so lange wünschte, eilt mein Verlangen der Zukunft vor, und ich erschrecke über
den langen Zeitraum, der uns noch trennen soll. Wie kurz
ist der Frühling des Lebens, die Blütenzeit des Geistes, und
von diesem kurzen Frühling soll ich Jahre vielleicht noch
verlieren, ehe ich das besitze, was mein ist. Unerschöpflich
ist die Liebe und wenig sind der Tage des Lenzes!
In einer neuen schöneren Welt schwebt meine Seele,
seitdem ich weiß, dass Ihr mein seid, teure, liebe Lotte,
seitdem Du Deine Seele mir entgegentrugst. Mit langen
Zweifeln ließest Du mich ringen, und ich weiß nicht, welche
seltsame Kälte ich oft in Dir zu bemerken glaubte, die
meine glühenden Geständnisse in mein Herz zurückzwang.
Ein wohltätiger Engel war mir Caroline, die meinem
furchtsamen Geheimnis so schön entgegenkam. Ich habe
Dir Unrecht getan, teure Lotte. Die stille Ruhe Deiner
Empfindungen habe ich verkannt und einem abgemessenen
Betragen zugeschrieben, das meine Wünsche von Dir entfernen sollte. O Du musst sie mir noch erzählen, die Geschichte unsrer werdenden Liebe. Aber aus Deinem Munde will ich sie hören. Es war ein schneller, und doch so sanfter Übergang! Was wir einander gestanden, waren wir einander längst, aber jetzt erst genieße ich alle unsre vergangenen Stunden. Ich durchlebe sie noch einmal, und alles zeigt sich mir jetzt
in einem schöneren Licht. (…)
Lebe wohl, teure, liebe Lotte und denke, dass für mich keine
Freude ist, als bis ich wieder Briefe von Euch sehe. Adieu.
Meine Lieben.


 

Friedrich Schiller lernt Charlotte von Lengefeld 1787 kennen, 1790 heiratet er sie. Der Dichter interessiert sich auch für Charlottes Schwester Caroline und denkt über eine Dreierbeziehung nach, für die sich Charlotte jedoch nicht begeistern kann. Aus der Ehe gehen vier Kinder hervor.