Words in Art

Kreativ gegen Langeweile zuhause

Ihr müsst zuhause bleiben? Euch ist langweilig? Für kluge und kreative Köpfe bieten wir in den nächsten Tagen Beschäftigung! Wir freuen uns, wenn Ihr bei unseren Aktionen mitmacht, uns Eure Bilder, Texte und Gedanken schickt! Meldet Euch dazu bitte per E-Mail unter wieland-museum@biberach-riss.de oder Post an Wieland-Stiftung/Haus der Archive/Waldseer Straße 31/88400 Biberach


Projekt: Words in Art

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Höre Dir jeden Tag ein Auszug aus Wielands Märchen "Der goldene Zweig" an und male was dazu.


Projektbeschreibung - Dr. Kerstin Bönsch, Geschäftsführerin der Wieland-Stiftung


Erklärvideo mit Hanne Reichle, Dozentin an der Jugendkunstschule Biberach


Lesung "Der goldene Zweig" mit Volker Angenbauer, Dramatischer Verein e. V., Teil I

der text zum Nachlesen

In einem Land, das an das Reich der Feen grenzt, war einmal ein König, dessen finstre und übellaunige Sinnesart alle Herzen von ihm abschreckte. Er war gewalttätig, argwöhnisch und grausam, gab alle Tage neue Gesetze, damit er nur immer viel zu strafen hätte. Er ärgerte sich, wenn er die Leute fröhlich sah, und tat sein Möglichstes, alle Freuden aus seinem Reich zu verbannen. Weil er immer die Stirn runzelte, nannte man ihn den König Runzelwig.
Dieser König hatte einen Sohn, der von allem gerade das Gegenteil war. Er war offen, leutselig, großmütig und tapfer, hatte einen durchdringenden Verstand und fand großes Belieben an Künsten und Wissenschaften; kurz, er wäre der liebenswürdigste Prinz von der Welt gewesen, wenn die Ungestalt seines Körpers nicht alles wieder verdorben hätte. Er hatte krumme Beine, einen Höcker wie ein Kamel, schiefe Augen, einen Mund, der von einem Ohr zum anderen reichte und eine Nase, die einem Schweinsrüssel ähnlich sah. Und man konnte ihn nicht ansehen, ohne sich zu ärgern, dass eine so schöne Seele in einem so hässlichen Gehäuse stecken sollte. Der arme Prinz wurde Krummbuckel genannt, wiewohl sein wahrer Name Alazin war. Trotz seinem Spottnamen und seiner Gestalt, hatte er die Gabe, sich beliebt zu machen: sein Verstand und seine angenehme Gemütsart erwarben ihm gar bald die Herzen wieder, die sein erster Anblick zurückschreckte.
Der König Runzelwig, dem seine Vergrößerungsprojekte näher am Herzen lagen als das Glück seines Sohnes, warf seine Augen auf ein benachbartes Königreich, das er schon lange gern mit guter Art seinen Staaten einverleibt hätte. Eine Heirat zwischen seinem Sohn und der Erbin dieses Landes schien ihm hierzu das schicklichste Mittel zu sein. Die Partie schien ihm um so schicklicher, weil man schwerlich in allen fünf Weltteilen eine Prinzessin hätte finden können, welcher es weniger geziemt hätte, sich über die Missgestalt des Prinzen Krummbuckels zu beschweren als diese. Denn sie war an Seele und Leib das wahre Seitenstück des Prinzen: ebenso abscheulich von außen und ebenso liebenswürdig von innen.  Sie war so zusammengewachsen, dass man, ohne etwas, das einem Kopfe (wiewohl eher von einem Affen als von einem Menschen) ähnlich sah, gar nicht gewusst hätte, was man aus ihrer Figur machen sollte. Dafür aber hatte sie einen Verstand wie ein Engel. Wenn es erlaubt gewesen wäre, sich die Augen verbinden zu lassen, so würde man ganz bezaubert von ihr gewesen sein. Der Name der Prinzessin war Klaremonde, aber sie wurde nur „Marmotte“ (*Murmeltier) genannt.
Sobald der König Runzelwig das Bildnis der Prinzessin Marmotte für seinen Sohn erhalten und es unter den Thronhimmel in seinem Audienzsaal aufgestellt hatte, ließ er den Prinzen rufen und sagte ihm in einem gebieterischen Ton, er müsste nun seine Augen daran gewöhnen, in diesem Bildnis die Prinzessin zu sehen, die ihm zur Gemahlin bestimmt sei.  Krummbuckel warf einen Blick darauf und fand es so abscheulich, dass er sogleich die Augen davon wegwandte. „Sie gefällt dir also nicht?“, sagte der König. „Nein, Herr Vater“, antwortete der Prinz. „Wahrhaftig“, rief Runzelwig, indem er Stirn und Nase zu-gleich rümpfte, „Dir steht es auch wohl an, eine Prinzessin, die ich selbst für dich ausgesucht habe, nicht schön genug zu finden, da du doch selbst ein kleines Scheusal bist, vor dem man davonlaufen möchte!“.  „Eben darum will ich mich mit keinem anderen Scheusal vermählen“, sagte Krummbuckel. „Ich habe genug damit zu tun, mich selbst zu ertragen.“ „Ich verstehe“, erwiderte der König in einem beleidigten Ton. „Du willst keine neue Zucht Affen in die Welt setzen? Aber sei daran unbekümmert. Du sollst sie heiraten; gern oder ungern, ist mir gleich, genug, dass ich es so haben will!“ Der Prinz antwortete nichts, machte eine tiefe Verbeugung und ging weg.
Runzelwig, der nie den geringsten Widerstand hatte leiden können, war über die Widerspenstigkeit seines Sohnes so aufgebracht, dass er ihn alsbald in einen Turm einsperren ließ, der von alters her für rebellische Prinzen erbaut worden war. Weil sich seit ein paar hundert Jahren keine dergleichen gefunden hatten, so war alles darin in ziemlich schlechtem Stande. Zimmer und Möbel schienen von undenklichen Zeiten her zu sein. Der Prinz verlangte zu seiner Unterhaltung Bücher: man erlaubte ihm, deren soviel er wollte aus der Bibliothek des Turms zu nehmen; aber da er sie lesen wollte, fand er die Sprache so alt, dass er nichts davon verstehen konnte.
Inzwischen hatte der König Runzelwig durch Abgesandte bei seinem Nachbar förmlich um die Marmotte anhalten lassen. Das Bildnis des Prinzen Krummbuckel wurde in einer prächtigen Galerie aufgestellt und die Prinzessin herbeigeholt, um ihren künftigen Gemahl in Augenschein zu nehmen. Da sie den feinsten Geschmack und eine zärtliche Empfindung besaß, so kann man sich vorstellen, wie ihr dabei zumute war. Die arme Prinzessin fühlte auf den ersten Blick die ganze Grausamkeit ihres Schicksals. Sie schlug die Augen nieder und weinte bitterlich. Der König, ihr Vater, ungehalten über solches Betragen, nahm einen Spiegel, hielt ihn seiner Tochter vor die Nase und sagte in einem unfreundlichen Ton: „Da ist auch wohl viel zu weinen! Schau einmal hierher und bekenne, dass du dich nicht zu beklagen hast!“ – „Wenn mir’s so Not um einen Mann wäre, gnädiger Herr“, antwortete sie, „so hätte ich vielleicht unrecht, so delikat zu sein; aber ich wünschte und verlange ja nichts anderes, als mein Schicksal allein zu tragen, ohne den Verdruss, dass mich noch jemand anderes anschauen muss. Man lasse mich doch die unglückliche Prinzessin Marmotte bleiben, so will ich wohl zufrieden sein oder mich doch wenigstens über nichts beklagen!“. Die arme Prinzessin hatte keine Mutter mehr, die sich ihrer hätte annehmen können; der König, ihr Vater, blieb bei ihren Vorstellungen und Tränen ungerührt. Sie musste mit den Gesandten des Königs Runzelwig abreisen.
 

Wörter, die du vielleicht nicht kenntst:

  1. leutselig: Adjektiv - wohlwollend, von einer verbindlichen, Anteil nehmenden Freundlichkeit im Umgang mit Untergebenen und einfacheren Menschen
  2. schicklich: Adjektiv - einer bestimmten menschlichen oder gesellschaftlichen Situation angemessen; wie es die Konvention [und das Taktgefühl] vorschreibt
  3. Seitenstück: Substantiv - hier als "Gegenstück" gemeint
  4. delikat: Adjektiv 1. wohlschmeckend, köstlich, fein zubereitet; 2. auserlesen

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Der goldene Zweig - Teil 1
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der goldene Zweig - Teil ii

der text zum Nachlesen

Während nun alles dies vorging, hatte Prinz Krummbuckel eine schlimme Zeit in seinem Turm. Kein Mensch durfte ein Wort mit ihm reden; er hatte außer seinen alten Büchern nicht den geringsten Zeitvertreib; man gab ihm schlecht zu essen und seine Hüter hatten Befehl, ihn mürbe zu machen. König Runzelwig war ein Mann, der sich Gehorsam verschaffen wusste. Aber gleichwohl hatten die Leute den Prinzen so lieb, dass die Befehle seines hartherzigen Vaters eben nicht aufs strengste vollzogen wurden.

 

Eines Tages fiel sein Blick, in der Galerie umherlaufend, auf die Fensterscheiben, die mit Gemälden von trefflichen Zeichnungen und in den lebhaftesten Farben bemalt waren. Weil er ein großer Liebhaber der Kunst war, so verweilte er mit Vergnügen bei dieser Glasmalerei. Seine Verwunderung nahm zu, da er auf einem dieser Gemälde einen Menschen erblickte, der ihm so ähnlich sah, als ob es sein Bildnis gewesen wäre. Dieser Mensch befand sich in dem obersten Geschosse des Turmes und suchte in der Mauer, wo er einen goldenen Kugelzieher fand, mit welchem er das Kabinett aufschloss. Es war noch vieles anderes, das ihm sonderbar vorkam, aber das allersonderbarste war, dass er beinahe auf allen Scheiben sein Bildnis antraf. Unter anderem sah er auch eine wunderschöne junge Dame von so feiner und geistreicher Gesichtsbildung, dass er sich gar nicht sattsehen konnte. Sein Herz schien ihm etwas bei diesem Bilde zu sagen, das es ihm noch nie gesagt hatte, und er verweilte so lange dabei, bis er in der Nacht nichts mehr sehen konnte.
Als er in sein Zimmer zurückkam, nahm er das erste alte Manuskript, das ihm in die Hände fiel. Aber wie groß war sein Erstaunen, da er es aufschlug und dieselben Personen und Geschichten darin gemalt fand, die er auf den Fensterscheiben gesehen hatte! Indem er so herumblätterte, fand er ein Blatt, worauf ein Chor Musikanten gemalt war, die sogleich lebendig wurden und zu musizieren anfingen. Er kehrte das Blatt um und fand ein anderes, wo ein Ball gegeben wurde. Die Damen waren alle sehr schön und prächtig geputzt und alles fing zu tanzen und zu springen an. Er kehrte noch ein Blatt um und ihm kam der Geruch eines herrlichen Gastmahls entgegen: eine Menge kleiner Figuren saßen um eine lange Tafel und ließen sich’s schmecken. Eine wandte sich an ihn: „Auf deine Gesundheit, Prinz Krummbuckel!“, sagte sie. „Ich empfehle dir, uns unsere Königin wiederzugeben; wenn du es tust, so wirst du belohnt; tust du es nicht, so wird’s dir übel bekommen.“ Bei diesen Worten überfiel den Prinzen eine solche Furcht, dass er das Buch aus der Hand fallen ließ und mit einem Schrei in Ohnmacht sank. Seine Hüter liefen herbei und gaben nicht nach, bis sie ihn wieder zu sich brachten. Wie er wieder reden konnte, fragten sie ihn, was ihm denn wiederfahren sei. Er antwortete ihnen: Man gebe ihm so schlecht und wenig zu essen, dass er ganz schwach davon würde und tausend seltsame Einbildungen ihm durch den Kopf liefen und so sei es ihm so vorgekommen, als sehe und höre er in diesem Buch so erstaunliche Dinge, dass er vor Entsetzen die Besinnung verloren habe. Seine Hüter brachten ihm sogleich was Besseres zu essen, obwohl es ihnen scharf verboten war. Als er es gegessen hatte, nahm er das Buch in ihrer Gegenwart wieder vor. Da er von allem, was er zuvor gesehen zu haben glaubte, nicht mehr fand, so zweifelte er nicht mehr daran, dass es bloße Einbildungen gewesen waren.

 

Am folgenden Tag ging er wieder in die Galerie und sah alles wieder, was er gestern auf den gemalten Fensterscheiben gesehen hatte. Er sah auch die schöne junge Person wieder, die einen Abdruck ihres Bildes in seinem Herzen zurückgelassen hatte. Überall fand er sich selbst, in einer eben solchen Kleidung wie seine. Und immer stieg diese Figur in das oberste Geschoss des Turmes und fand einen goldenen Kugelzieher in der Mauer. „Dahinter muss ein sonderbares Geheimnis stecken“, sagte er zu sich selbst. „Diesmal habe ich gut gegessen, es kann keine Einbildung sein! Vielleicht finde ich im oberen Geschoss etwas!“ Er stieg hinauf, schlug mit einem Hammer gegen die Mauer, bis er einen hohlen Raum zu hören meinte. Er schlug ein Loch hinein und fand einen zierlich gearbeiteten goldenen Kugelzieher. Er überlegte, wozu er ihn gebrauchen könnte und fand in einem Winkel einen alten Schrank. Er fand ein kleines Loch im Schrank, steckte den Kugelzieher hinein, zog mit aller Gewalt und der Schrank ging auf. Der Schrank sah innen wunderschön aus. Alle Schubladen waren von zierlich ausgestochenem Ambra oder Bergkristall, die mit Deckeln von Perlmutt voneinander getrennt und mit sonderbaren Sachen gefüllt waren. Der Prinz fand in den Schubladen reiche Kronen, schöne Bildnisse, herrliche Juwelen und andere Dinge, die ihm großes Vergnügen machten. Endlich fand er auch einen kleinen Schlüssel, der aus einem einzigen Smaragd geschnitten war und womit er eine kleine Tür am Boden des Schrankes aufmachte.

 

Wörter, die Du vielleicht nicht kennst:

 

  • mürbe machen: schwaches Verb - Eine Sache so bearbeiten, dass sie leicht in ihre Teile zerfällt; z. B. das Fleisch mürbe machen.
    Hier, im Text Wielands, in der Bedeutung der Redensart gemeint, den Wiederstand jemandes durch Ausdauer zu überwinden

  • Kugelzieher: Substantiv - Werkzeug mit zwei gebogenen Haken, um die Ladung, und besonders die Kugel aus einem Gewehr zu ziehen. Dieses Werkzeug hat man im

    18. Jahrhundert genutzt.

    (Quelle: Johann Christoph Adelung: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart)

  • Kabinett: Substantiv - hier gemeint als kleiner (Museums-)Raum mit besonders wertvollen Dingen

  • Die Damen waren alle schön und herrlich … geputzt: Hier im Sinne von „zurechtgemacht“ zu verstehen

  • Ambra: Substantiv - Die Ambra oder der Amber ist eine graue, wachsartige Substanz aus dem Verdauungstrakt von Pottwalen.  Sie wurde früher bei der Parfümherstellung verwendet. Heute ist sie von synthetischen Substanzen weitgehend verdrängt und wird nur noch in wenigen teuren Parfüms verwendet.

 


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Der goldene Zweig, Teil III

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Aber wie wurde ihm zumute, als er sie mit Blut gefüllt und eine abgehauene Manneshand darin sah, die ein Bild zwischen den Fingern hielt! Er fuhr bei diesem Anblick zusammen und ihm standen die Haare zu Berge, seine Knie schlackerten und er konnte sich kaum auf den Füßen halten. Die Worte, welche die kleine Figur in dem wundervollen Buch zu ihm gesprochen hatte, kamen ihm wieder in den Sinn. Sein Glück oder Unglück konnte davon abhängen, wie er sich in diesem Augenblick verhalten würde. Er rief all seinen Mut zusammen, machte die Augen auf und richtete sie auf diese in Blut badende Hand. „O du unglückliche Hand“, sprach er, „wenn du mir durch irgendein Zeichen von deinem Schicksal erzählen kannst und ich fähig bin, dir zu helfen, so sei sicher, dass ich ein Herz habe, alles für dich zu tun.“

 

Bei diesen Worten wurde die Hand lebendig. Sie bewegte ihre Finger und sprach mit dem Prinzen durch Zeichen, die er, weil er diese Sprache gelernt hatte, so gut wie seine Muttersprache verstand. „Wisse“, sagte sie, „dass du alles für denjenigen tun kannst, von welchem die Wut eines Eifersüchtigen mich abgesondert hat. Du siehst in diesem Bild die Anbetungswürdige, die Ursache meines Unglücks ist. Sieh unverzüglich in die Galerie und schau auf die Stelle, die von den einfallenden Sonnenstrahlen am meisten erhellt wird, dort suche und du wirst meinen Schatz finden.“ Hier hörte die Hand auf zu reden. Der Prinz fragte noch, wo er sie hintun sollte und sie antwortete wieder durch Zeichen, er solle sie wieder in den Schrank legen. Er gehorchte, schloss alles wieder zu, verbarg den Kugelzieher in der Mauer, wo er ihn gefunden hatte und stieg wieder in die Galerie hinab.
Bei seinem Eintritt fingen die Fensterscheiben an zu zittern und zu klirren, er sah umher und bemerkte, dass die Sonnenstrahlen auf das Bild eines jungen Menschen schienen, dessen Schönheit und Ausdruck ihn ganz bezauberte. Er rückte dieses Gemälde weg und fand dahinter eine Wand aus Ebenholz mit goldenen Leisten wie an den übrigen Wänden in der Galerie. Er bemerkte, dass er die Wand aufschieben konnte und befand sich nun am Eingang eines Saals aus Vulkangestein, das glitzerte. Der Raum war von Säulen geziert und führte zu einer Treppe aus Achat, das Geländer war Gold eingefasst. Er stieg die Treppe hinauf und kam in einen Spiegelsaal, von dem aus viele herrliche Zimmer abgingen. Schließlich kam der Prinz in ein Gemach, wo auf einem prächtigen Himmelbett eine Frau von außerordentlicher Schönheit lag, die zu schlafen schien. Als er leise an sie herantrat, sah er, dass sie vollkommen dem Bildnis glich, welches ihm die abgehauene Hand gezeigt hatte. Ihr Schlummer schien unruhig zu sein, und ihr reizendes Gesicht verriet etwas Schmachtendes sowie die Spuren eines langwierigen Grams.

 

Sie fing im Schlaf zu sprechen an: „Denkst du, Treuloser, dass ich dich jemals lieben könnte, nachdem du mich von meinem Alzindor entfernt hast? Du, der vor meinen Augen eine so liebe Hand von einem Arm abgetrennt hast? Denkst du mir auf solche Art Ehre und Zärtlichkeit zu erweisen? O Alzindor, mein Geliebter, soll ich dich denn niemals wiedersehen?“ Der Prinz sah, wie die Tränen bei diesen Worten unter ihren geschlossenen Augenliedern hervordrangen und über ihre blassen Wangen herunterrollten.

 

Wörter, die du vielleicht nicht kennst:

 

Achat: Susbtantiv - Ein Achat ist als Schmuck- und als Heilstein bekannt

 

Gemach: Substantiv - Zimmer, (vornehmer) Wohnraum

 

Gram: Substantiv - nagender Kummer, dauernde, tiefe Betrübnis über jemanden oder etwas

 


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Der goldene zweig, Teil IV

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Er stand noch am Bettende, unsicher, ob er sie wecken oder noch länger in einem so traurigen Schlummer lassen sollte, als er auf einmal eine liebliche Musik, wie eine Menge zusammenstimmender Nachtigallen und Distelfinken hörte. Gleich darauf kam ein Adler von ungewöhnlicher Größe angeflogen, der einen goldenen Zweig voller kirschenförmiger Rubine in seinen Klauen hielt. Der Adler heftete seine Augen unverwandt auf die schlafende Schöne, dann entfaltete er plötzlich seine Flügel, um mit einer brünstigen Sehnsucht auf sie zuzufliegen, aber eine unsichtbare Gewalt schien einen magischen Kreis um sie gezogen zu haben, den er nicht durchdringen konnte. Jetzt betrachtete er den Prinzen mit großer Aufmerksamkeit, näherte sich ihm und gab ihm den Zweig. In diesem Augenblick erhoben die Vögel, die ihn begleiteten, ein melodisches, aber so durchdringendes Getöne, dass es in allen Gewölben des Palastes widerhallte.     

 

Der Prinz schloss aus dem Gesehenen, dass die Dame ohne Zweifel verzaubert war und die Ehre, sie zu befreien, ihm vorbehalten sei. Er näherte sich ihr, setzte ein Knie auf den Boden und berührte sie mit dem goldenen Zweig. Alsbald erwachte die schöne Dame, erblickte den entfliehenden Adler und rief ihm mit ausgebreiteten Armen nach: „Bleibe, mein Geliebter, bleibe!“ Aber der königliche Vogel stieß einen traurigen und durchdringenden Laut aus und flog mit all seinen befiederten Sängern aus ihrem Sichtfeld. Die Dame wandte sich an den Prinzen und sprach: „Ich weiß, was ich dir schuldig bin. Du hast mich ans Licht zurückgerufen, das ich seit zweihundert Jahren nicht gesehen habe. Du allein konntest das. Der Zauberer, dessen verhasste Liebe die Ursache meines Unglücks war, vermochte dich nicht daran zu hindern. Es steht in meiner Macht, dir meine Dankbarkeit zu beweisen, und ich brenne vor Verlangen, sie auszuüben. Sage mir, was du dir wünschst, denn ich bin eine Fee und will meine ganze Macht anwenden, dich glücklich zu machen.“ – „Große Frau“, antwortete Krummbuckel, „Ich hab weniger zu beklagen als viele andere. Wenn ich einen Wunsch hätte, so wünschte ich, euch den schönen Alzindor wiederzugeben“, sagte Prinz Krummbuckel. Die Fee heftete einen Blick auf ihn, worin Bewunderung und Freundschaft lagen. „Ich fühle den Wert dieser Großmut“, sagte die Fee, „aber du musst dir etwas wünschen, was dich selbst angeht!“ „Schöne Fee“, sprach der Prinz, „Ihr seht, wie mich die Natur misshandelt hat; zum Spott nennt man mich Krummbuckel. Ich verlange kein Adonis zu sein, aber wenn ich nur nicht lächerlich aussähe.“ „Du verdienst mehr als das“, sagte die Fee und berührte ihn dreimal mit dem goldenen Zweig; „Gehe und sei so schön von außen, wie du von innen bist.“

 

Mit diesen Worten verschwand die Fee aus seinen Augen; der Palast und alle Wunderdinge verschwanden mit ihr und er befand sich in einem dicken Wald mehr als hundert Meilen von dem Turm, worin der König Runzelwig ihn hatte setzen lassen.

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der goldene zweig, teil V

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Während sich dieses zutrug, gerieten seine Wächter in die entsetzliche Verlegenheit, als sie ihn um die Zeit des Abendessens nicht im Zimmer fanden. Sie suchten ihn überall im ganzen Turm und verzweifelten, da nirgends die geringste Spur von ihm war. Den König davon zu unterrichten, war keine Möglichkeit: er würde ihnen nicht glauben, sie für Mitschuldige an der Flucht seines Sohnes halten und sie dafür aufs grausamste bestrafen. Nach langem Beratschlagen fanden sie keine bessere Idee, als den kleinsten aus ihrer Mitte mit einem großen Buckel auszusuchen, ihn, als ob es der Prinz wäre, bei gezogenen Vorhängen in Krummbuckels Bett zu legen und dem König die Nachricht zu bringen, dass sein Sohn sehr unpässlich sei. Runzelwig, der meinte, sein Sohn stelle sich nur krank, um ihn zu erweichen und seine Freiheit wiederzuerlangen, würdigte die Nachricht von seiner vorgegebenen Krankheit keiner Aufmerksamkeit; je gefährlicher sie die Sache machten, je gleichgültiger zeigte sich der König dabei, und dies war es eben, was die Hüter gehofft hatten.

In der Zwischenzeit war die Prinzessin Marmotte am Hof des Königs Runzelwig glücklich angelangt. Der König ging ihr entgegen, aber als er sie so verwachsen, krüppelhaft und missgestaltet sah, dass sie kaum einer menschlichen Figur ähnlich war, gelang es ihm nicht, ihr ein Kompliment zu machen, das für eine Schwiegertochter und zum Willkommen angemessen gewesen wäre. „Ei zum Henker, Prinzessin Marmotte“, sagte er, „es steht Ihnen wohl an, meinen Krummbuckel zu verachten“. Ich leugne es nicht, er ist ein hässliches Tier; aber wahrhaftig, er ist es bei weitem noch nicht so sehr wie Sie!“ „Gnädiger Herr“, sagte die Prinzessin, „Ich gefalle mir selbst nicht gut genug, um über Ihre Unhöflichkeiten empfindlich zu werden. Außerdem weiß ich nicht, ob Sie es für ein gutes Mittel halten, mich damit zur Liebe Ihres reizenden Krummbuckels zu verführen. Aber ungeachtet meiner armseligen Gestalt werde ich ihn nicht heiraten. Lieber will ich ewig die Prinzessin Marmotte als die Königin Krummbuckel sein.“ Der König Runzelwig entrüstete sich über diese Antwort. „Sie irren sich stark! Ich mute Ihnen nicht zu, dass Sie meinen Sohn lieben sollen, aber bei Gott! Sie sollen ihn heiraten, Prinzessin, und wenn Sie an ihm ersticken müssten! Ihr Herr Vater hat mir sein Recht über Sie abgetreten!“ – „Es gibt Fälle“, erwiderte die Prinzessin, „wo uns das Recht zu wählen zusteht. Man hat mich wider meinen Willen hierhergebracht, und, ich werde Sie als meinen tödlichen Feind ansehen, wenn Sie Gewalt gegen mich anwenden.“ Der König entfernte sich ohne ihr weiter zu antworten, ließ sie in ihr Zimmer im Palast bringen und gab ihr einige Hofdamen, die sie auf andere Gedanken bringen sollten. Die Hofdamen bewunderten den Geist und die Freundlichkeit der Prinzessin Marmotte, schafften es aber nicht, sie wegen der Heirat umzustimmen.

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der goldene Zweig, Teil VI

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Bald darauf kamen die Hüter des Prinzen zum König und behaupteten mit großer Bestürzung, dass Prinz Krummbuckel gestorben sei. Runzelwig, so hartherzig er vorher gewesen war, kam bei dieser Nachricht schier von Sinnen, er heulte und tobte wechselweise und ließ schließlich Marmotte statt des Verstorbenen in den Turm einsperren. Die arme Prinzessin wusste nicht, wie ihr geschah. Sie schrieb an ihren Vater, wie übel man mit ihr umging und lebte in der Hoffnung, dass er bald Mittel finden würde, sie wieder zu befreien. Aber sie hoffte vergebens: Alle ihre Briefe wurden aufgefangen und dem König gebracht.      

 

Inzwischen versuchte sie ihre Gefangenschaft so gut es ging zu erleichtern und ging alle Tage in die Galerie, um die Gemälde auf den Fensterscheiben zu betrachten. Nichts kam ihr sonderbarer vor, als dass sie sich überall selbst gemalt fand. „Es muss“, dachte sie „seit ich in diesem Lande bin, die Maler eine seltsame Krankheit überfallen haben, dass sie so viel Vergnügen daran finden, mich zu malen, als ob es sonst keine lächerlichen Figuren gäbe. Oder ist ihre Absicht, die Schönheit dieser reizenden Schäferin durch den Kontrast zu mir zu erhöhen? Gleich darauf fiel ihr ein junger Schäfer in die Augen, dessen ungemeine Schönheit sie nicht gleichgültig betrachtete. „Wie glücklich müssen sich diese schönen Leute fühlen.“ Bei diesen Worten traten ihr die Tränen in die Augen. Sie warf einen Blick in einen Spiegel und fand sich so abscheulich, dass sie sich schnell wieder abwandte. Auf einmal sah sie wie aus dem Nichts ein kleines altes Weibchen vor sich stehen, das noch weit hässlicher war als sie.

„Prinzessin“, sprach das alte Mütterchen, „wie du mich hier siehst, bin ich mächtig genug, dir das zu geben, was dir so schmerzlich fehlt. Wähle zwischen Schönheit oder einem guten Herzen. Willst du schön sein, du sollst es werden; aber sobald du schön bist, wirst du eitel, eingebildet und egoistisch werden. Willst du bleiben, wie du bist, so wirst du gut, verständig und bescheiden bleiben. Wähle!“ „Da ist nichts zu wählen“, antwortete Marmotte, indem sie der Fee in die Augen sah, „Lieber alles Unglück in der Welt als einen Augenblick aufhören, ein gutes Herz zu haben.“ Und so geschah es.

 

Wir müssen aufrichtig sein: Es gab Augenblicke, wo die gute Prinzessin zwar nicht ihre Wahl bereute, aber lebhaft den Wert des Opfers spürte, den sie für ihr gutes Herz erbracht hatte. Doch gleichzeitig füllte sich ihre Seele mit einem Licht, es füllte ihr ganzes Wesen. 

 

Inzwischen hoffte sie noch immer, dass ihre Briefe an ihren Vater Wirkung zeigten, dass er an der Spitze eines Kriegsheeres kommen würde, um seine einzige Tochter zu befreien. Sie hätte gar zu gern in das oberste Geschoss des Turmes hinaufsteigen mögen, um durch die Fenster aufs Feld zu sehen. Aber mit ihrer Figur schien ihr das völlig unmöglich. Doch was ist dem Entschlossenen und Geduldigen unmöglich? Genug, sie versuchte es. Nach einem halben Tag erkroch sie sich endlich mit unsäglicher Mühe die oberste Stufe. Um sich ein wenig auszuruhen lehnte sie sich an die Mauer, welche Prinz Krummbuckel aufgerissen und ziemlich schlecht wieder zugeflickt hatte. Dabei ging ein Stückchen Pflaster los, und der goldene Kugelzieher fiel klingelnd auf den Boden vor sie hin. Sie hob ihn auf und überlegte, wofür er nützlich sein könnte. Da sie am Schrank kein Schloss, sondern nur eine Öffnung fand, so versuchte sie den Schrank mit Hilfe des Kugelziehers zu öffnen. Mit viel Mühe gelang ihr es und sie war genauso wie der Prinz entzückt von den schönen und seltenen Sachen darin. Endlich fand sie auch das goldene Türchen, die Schale von Karfunkel und die in Blut schwimmende Hand. Fast hätte sie die Schale vor Entsetzen fallen lassen. Dann hörte sie eine liebliche Stimme, die zu ihr sagte: „Fasse Mut, Prinzessin, deine Glückseligkeit hängt an diesem Abenteuer.“ – „Ach Gott“, sprach sie zitternd, „was soll ich tun?“ – Du musst, sprach die Stimme, „diese Hand mit in dein Zimmer nehmen und sie unter deinem Kopfkissen verstecken. Wenn du einen Adler an dein Fenster kommen siehst, so öffne ihm das Fenster und gib sie ihm.“

Das Herz kehrte sich ihr bei dem bloßen Gedanken im Leibe um. Aber auf der anderen Seite war gewiss, dass höhere Mächte hier im Spiel waren und sie fühlte sich aufgefordert, in einer so außerordentlichen Gelegenheit auch außerordentlichen Mut zu haben. Sie nahm also all ihren Mut zusammen und ergriff schaudernd die abgehauene Hand. Sie erstaunte nicht wenig, sobald sie sie aus dem Gefäß herausgenommen hatte, so rein zu sehen, als ob sie aus dem weißesten Wachs gebildet wäre. Sie hüllte sie in ein sauberes Tuch und verbarg sie in ihrem Rock. Sie schob alle Schubladen wieder hinein, schloss den Schrank zu und verbarg den goldenen Kugelzieher, wo sie ihn gefunden hatte. Bald darauf kamen ihre Anwärterinnen, die über ihr ungewöhnliches Verschwinden in große Unruhe geraten waren. Sie konnten nicht begreifen, wie Marmotte ohne ein Wunderwerk habe heraufkommen können und trugen sie wieder herunter.  

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Der goldene zweig, teil VII

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Es vergingen zwei Tage, ohne dass etwas Ungewöhnliches geschah. Aber in der dritten Nacht hörte sie ein Geräusch an ihren Fenstern. Sie zog ihren Vorhang und erblickte beim Mondschein einen großen Adler, der mit seinen Flügeln an das Fenster schlug. Sie kroch aus ihrem Bett heraus, rutschte ans Fenster und öffnete es, um den Adler hereinzulassen. Er schien sich mit dem Schlagen seiner Flügel bei ihr bedanken zu wollen. Sie vergaß nicht, ihm die Hand darzureichen. Er nahm sie in seine Klauen und verschwand. Wenige Augenblicke darauf sah sie den schönsten Jüngling vor sich stehen, den sie jemals gesehen hatte. Er war von ungewöhnlicher Größe, sein Gesicht hatte etwas unbeschreiblich Edles und Anmutsvolles; ein wertvolles Diadem funkelte an seiner Stirn und in seinem ganzen Ansehen war etwas Blendendes von höherer Ordnung. „Prinzessin“, sagte er, „eine höhere Macht waltet über mein Schicksal wie über das deinige. Die Macht bediente sich deiner, um mich in meinen natürlichen Zustand wiederherzustellen. Du hast ein Recht auf meine wärmste Dankbarkeit.“ Bei diesen Worten berührte er die Prinzessin mit dem Bild der Fee, das er in der Hand hatte, und verschwand.

In diesem Augenblick sank die Prinzessin in eine angenehme Ohnmacht. Sie kam aber bald wieder zu sich und war nicht wenig erstaunt, sich am Ufer eines Baches, der von goldenen Gebüschen überschattet war, in der anmutigsten Gegend der Welt zu finden. Aber wie groß war ihr Erstaunen erst, als sie bei einem Blick in das ruhige spiegelhelle Wasser erkannte, dass sie aussah wie die Schäferin, deren Bild sie auf den Fensterscheiben der Galerie gesehen hatte. Sie befürchtete, den Verstand verloren zu haben, dann dass alles nur eine Täuschung sei und sie unversehens wieder in die vorige Marmotte zusammensinken würde. In der Tat hätte die Veränderung, wiewohl sie nur das Äußere betraf, nicht wohl größer sein können. Aus der elendsten und grauenhaftesten Menschenfigur sah sie sich in die schönste, liebreizendste Person verwandelt. Sie trug einen weißen, mit den feinsten Spitzen garnierten Anzug; ein Gürtel von kleinen Rosen und Jasminen. Ihre schönen halb aufgebundenen Haare waren mit frischen Blumen durchwunden und zierliche Halbstiefel von weißem Leder bekleideten den schönsten Fuß, der jemals den Samt eines Grasbodens betreten hatte. Sie fand einen vergoldeten Schäferstab und einen mit Bändern und Blumen gezierten Hut neben sich im Gras. Daneben eine Herde Schafe, die am Ufer weideten und auf ihre Stimme hörten, ebenso wie der neben ihnen wachende Hund, der sie zu kennen schien und sie liebkoste.
 

Welch eine wundervolle Verwandlung! Vorher war sie das hässlichste aller Geschöpfe, aber eine Prinzessin; jetzt das schönste Mädchen, das die Sonne jemals beschienen hatte, aber dafür auch nichts als eine Schäferin. Hatte sie beim Tausch gewonnen oder verloren? Gewonnen, ohne allen Zweifel, jedenfalls sagte sie es sich selbst mit der lebhaftesten Freude. Aber es gab doch auch Augenblicke, wo ihr der Verlust ihres hohen Ranges nicht ganz gleichgültig war. Da die Sonne noch sehr hoch stand und nur schwache Lüftchen die Hitze des Tages milderten, so schlummerte sie unter diesen Betrachtungen unvermerkt ein – und wir benutzen diese Gelegenheit, um zu sehen, was in der Zwischenzeit mit dem Prinzen Alazin, wie wir ihn künftig nennen wollen, geworden ist.

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Der goldene Zweig, Teil VIII

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Wir verließen ihn hundert Meilen von seinem Turm entfernt, in einem ihm unbekannten Wald. Dort war er über die Verwandlung, die mit ihm vorgegangen war nicht weniger als die Prinzessin Marmotte mit der ihrigen erstaunt. Die Veränderung, welche das Berühren mit dem goldenen Zweig in seiner Figur hervorgebracht hatte, war so groß, dass Alazin den vorherigen Krummbuckel in sich gar nicht mehr erkannte. Es brauchte einige Zeit, bis er das Gefühl hatte, dass er selbst diese Person sei. Er kam inzwischen unvermerkt an einen von hohen Eichen beschatteten Teich, wo er merkte, dass er dem schönen Schäfer glich, den er auf den bemalten Fensterscheiben betrachtet hatte. Die Ähnlichkeit erstreckte sich bis auf die Kleidung; auch fand sich eine Herde schöner Schafe bei ihm ein, die ihn für ihren Herren und Hüter erkannten. Sogar für eine Hütte hatte die dankbare Fee gesorgt. Alazin fand sie mit allem Zubehör einer schäferischen Haushaltung am Ende des Waldes in einem anmutigen Tal, durch welches sich ein Bach schlängelte, an dessen Ufern sich zu beiden Seiten hie und da verschiedene Schäferwohnungen zwischen fruchtbaren Bäumen oder aus halbverdeckenden Gebüschen hervorragten. Das süße Gefühl der Freiheit und das Vergnügen, einen verhassten Namen und eine noch verhasstere Gestalt los zu sein, ließen ihn eine gute Weile nicht daran denken, dass er mit dieser Figur auch sein Königreich verloren hatte und dass der Sohn und Erbe eines Königs sich nun gefallen lassen musste, nichts als eine Herde Schafe unter sich zu haben. Sein Verstand befähigte ihn aber, sich seinem Schicksal mit guter Art zu unterwerfen; zumal er erkannte, dass es von einer wohltätigen Macht geleitet wurde.

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Lesung Der goldene Zweig - Teil Ix, x

Die Texte zum Nachlesen

Teil IV

Alazin hatte schon einige Zeit in seinem Hirtenland gelebt, wo ihn seine Gestalt und sein gefälliges Betragen in wenigen Tagen die Herzen der rohen, aber gutherzigen Einwohner gewonnen hatte. In einem geheimen Plan, den er für einen Zufall hielt, wurde er an den Ort geführt, an dem die schöne Schäferin schlummerte. Kaum war er nahe genug dran, um sie zu betrachten, Himmel! wie wurde ihm zumute! Er sah das Original eben dieser reizenden Schäferin, die er auf den Fensterscheiben der Gale-rie abgebildet gefunden hatte. Er ließ sich vor ihr auf die Knie nieder; sein Auge, sein Herz, sein ganzes Wesen schien in eine einzige von ihr ausgefüllte Empfindung zusammengezogen. Dann erwachte sie. Sie hatte kaum die Augen aufgeschlagen, als sie in dem schönen Schäfer eben denjenigen erkannte, dessen Bild ihr in der Galerie öfters vorgekommen war. Dieser Umstand, der ihn gewissermaßen zu einer alten Bekanntschaft machte, milderte bei ihr die Verlegenheit, in welcher sie sich befunden hät-te, wenn er ihr ganz fremd gewesen wäre. Ihre Augen waren schon mit seiner Schönheit bekannt, und ihr Herz, an eine gewisse zärtliche Regung bei seinem Anblick ebenso gewöhnt. Zwei so vollkommene Personen, wie sie beide waren und deren Inneres so schön und rein zusammengestimmt ist, können einander nicht ansehen, ohne dass jeder den anderen würdig findet. Sie verstehen einander in der ersten Minute besser als gewöhnliche Menschen nach jahrelangem Umgang. Das erste, was sie fürei-nander fühlen ist Wohlwollen, und dieses Wohlwollen ist Freundschaft und diese Freundschaft ist bei einem jungen Schäfer und einer jungen Schäferin Liebe.  

 

Teil X
Der Rückweg in ihren angeborenen Stand schien ihnen auf immer abgeschnitten zu sein, und ihr neu-er, niedriger, der Welt verborgener, aber glücklicher Zustand bekam alle Tage neuen Reiz für sie. Ohne Zweifel hatte das Schicksal ihre Vereinigung beschlossen. Sie mochten sich als Königskinder oder als Hirten betrachten, so stand dem, was nun der einzige Wunsch ihrer Herzen war, nichts im Wege. Sie vereinigten sich also und der Tag ihrer Hochzeit war ein Fest für das ganze Hirtenland.

 

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